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Kreiskalender 2007
Die Entstehungsgeschichte von Stüde

In fast jeder Chronik findet sich ein Absatz, in dem der Ortsname auf seine Bedeutung hin behandelt wird. Bei den Nachforschungen über die Bedeutung des Namens Stüde sind wir auf verschiedene Erklärungsansätze gestoßen, wobei es für jeden Neuling doppelt schwer ist, sich nicht von vermeintlich plausiblen Erklärungen täuschen zu lassen. Um ein Ergebnis zu erzielen, das auch einer kritischen Betrachtung standhält, sollte ein breites Spektrum von Erkenntniswegen aus den verschiedenen Forschungs- bereichen als Grundlage dienen. In unserem Fall haben Quellenkunde, Naturraum- forschung, historische Geographie und Germanistik - plus etwas Glück - zu einem Er- gebnis geführt, das nicht nur die Bedeutung des Ortsnamens, sondern auch den unge- fähren Besiedlungszeitraum wiedergibt.
Beginnen wir mit der Besiedlungsgeschichte und dem Zeitraum der Erstbesiedlung. Der ermittelte Zeitraum sollte dann den Ausgangspunkt für den Versuch einer Namens- deutung sein.
Gegen eine sehr frühe Besiedlung von Stüde sprechen die Siedlungsbedingungen für die im Mittelalter auf Selbstversorgung ausgerichtete Landwirtschaft. Die Äcker in der Stüder Feldmark sind wenig ertragreich, die Bodenqualität ist im Vergleich zu ande- ren Ortschaften sehr schlecht. Eine unmittelbare Versorgung von Trinkwasser war ebenfalls nicht vorhanden. In den Überlieferungen wird berichtet, dass die Stüder ihr Trinkwasser im Moor geholt haben. Es war also recht mühsam, Wasser für Mensch und Tier in ausreichenden Mengen heran zu schaffen.
Die Wiesen für die Winterfutterversorgung lagen weit entfernt bei Dannenbüttel an der Aller, im Dragen an der Ise und im Düsterhoop auf halben Weg nach Wahrenholz.
Gute Weideflächen waren ebenfalls nicht vorhanden; die heute genutzten Moorwie- sen waren noch nicht entwässert. Das Vieh wurde auf die kargen Heide- und Moor- flächen getrieben und musste sich recht mühsam vom spärlichen Bewuchs ernähren. Nur trockener Baugrund war vorhanden, aber als einziges Kriterium sicher nicht aus- schlaggebend für eine frühe Besiedlung.
Die erste ungefähre Eingrenzung des Zeitraumes der Besiedlung von Stüde lässt sich aus der Nichterwähnung bei Grieser 1942 (Vieh- und Schatzregister des Herzogtums Lüneburg von 1489) und der Erwähnung bei Theo Bosse 1986 (Vieh- und Schatzregister des Amtes Gifhorn von 1564) ableiten. In der Zeit von 1489 bis 1564 sollte also die Gründung von Stüde erfolgt sein.
Ein Urkundenfund im Hauptstaatsarchiv Hannover* ermöglichte es, diesen ungefähren Zeitraum noch weiter einzugrenzen. Am 21. Januar 1576 richtete Henning Goes aus Stüde eine Bittschrift an den Landesherren in Celle, in der er um die Erlaubnis bittet, eine vierte Hofstelle zu errichten. Wörtlich heißt es in der Bittschrift:
"... gnediger Fürst und Herr, E.F.G. kann ich in underthenigkeit nicht vorenthalten, als das Dorfflein Stühe in der Pickensteins heiden vor zwantzig laren ungeferlich zu bawen angefangen worden ist. Da haben E.F. G. vier mennern einem jeden ein feuerstedt und behausung auffzu= bawen gnedig erlaubet und nachgegeben, darvon ihrer drey auffgebawet haben, der eine aber ist wider korich geworden und sein bawen underweg gelassen. Und deswegen die vierte feuer= stedt bis auf diese stundt ungebawet verblieben. Dieweil ich mich dan zum Stühe befreihet und bei leutenjennen bin, so gelanget darnach an E.F.G. mein gantz underthenige bitte E.F.G. wollen mir so gnedig sein, und die unbebawte feuerstedt mir darauf zu bawen gnedig erlauben und nachgeben. ..."
Henning Goes "zum Stühe"

Das Antwortschreiben des Landesherren wurde am 24. Januar 1576 verfasst, und ge- währte dem Henning Goes "zum Stüde" sich mit der vierten Hofstelle anzubauen.
Die Aussage:
“... als das Dorfflein Stühe vor zwantzig jaren ungeferlich ...“ birgt eine weitere Eingrenzung des Besiedlungszeitraumes in sich. 1576 abzüglich „... vor zwantzig jaren ungeferlich...“ ergibt 1556. Hier stoßen wir in einen Zeitraum vor, in dem Herzog Franz von Gifhorn die letzten "weißen Flecken" im Amt Gifhorn aufsiedeln ließ, um seine Finanzlage zu verbessern.
Die Gründung Wesendorfs** ist beispielsweise auf Initiative Herzog Franz zurückzufüh- ren und auch Stüde wird man dazu rechnen müssen. Dass Herzog Franz die ersten Steuereinnahmen möglicherweise selbst nicht mehr erlebt hat, kann nicht ausge- schlossen werden. Sein Tod im Jahr 1549, hat aber die Amtsführung nicht davon abgehalten, seine Aufsiedlungsinitiative weiter zu führen.
In grün, blau und rot sind die Äcker der drei älteren Höfe dargestellt; die der vierten Hofstelle in gelb. (Zeichnung B. Kracht) Die 4. Hofstelle, um die es in dem Schreiben geht, lässt sich aus der Anordnung der Äcker auf der Verkoppelungskarte sehr schön ab- leiten, womit der Schriftverkehr von 1576 nachhaltig Bestätigung findet. Die 3 älteren Höfe bilden ein Halbrund; die 4., nur wenig später errichtete Hofstelle, ist in südöstlicher Lage angegliedert worden. Seine Äcker sind als Blöcke angeordnet und nicht als Streifen- flur wie die der älteren Höfe. Die Streifenflur, an dem auch die 4. Hofstelle seinen Anteil hat, ist nachweislich erst später in die Ackerflur eingegangen.
Stühbusch in der Stüder Feldmark. (Foto Jens Uwe Kracht) Nachdem nun der Zeitpunkt der Erstbesiedlung - um 1556 - sehr eng eingegrenzt werden konnte, ging es um die Bedeutung des Ortsnamens. Eine rein sprachliche Ablei- tung birgt die Gefahr, die örtlichen Gegebenheiten, wie Naturraum und Landschaft, unbeachtet zu lassen.
Aber für Stüde ließ sich sehr leicht eine sprachliche Ab- leitung mit einem Begriff aus der historischen Waldnut- zung verbinden. Die sprachliche Ableitung von der mittel- niederdeutschen Wurzel "stud, stude", was soviel wie "Gesträuch, Gebüsch, staudicht" bedeutet und der Begriff "Stüh, Stühbusch" aus der historischen Waldnutzung, brachten ein logisches Ergebnis.
Als Stüh oder Stühbusch wurden in der Lüneburger Heide Eichengehölze bezeichnet, die niederwaldartig bewirtschaftet wurden. Die Bäume, meist Eichen, wurden zur Brenn- und Bauholzgewinnung "auf den Stock gesetzt", d.h. kurz über der Boden- oberfläche abgeschnitten. Aus dem Stock trieben die Bäume dann oftmals Schöss- linge aus, die wieder zur Nutzholzgewinnung anstanden. Im Mittelalter waren die Namen Stüh oder Stühe, offenbar als Bezeichnung rur diese busch- bzw. baumbe- standenen Bereiche oder Kleinwaldungen gebräuchlich.
Zwei lokale Bezeichnungen für Kleinwaldungen in der Gemarkung Ehra - nördlich von Stüde - sollen hier zur weiteren Absicherung aufgeführt werden. Auf der Kur- hannoverschen Landesaufnahme von 1780 sind diese beiden baumbestandenen Plätze als "große Bockstüh" und "kleine Bockstüh" bezeichnet, was frei übersetzt großes bzw. kleines Buchenwäldchen bedeutet.
In dem bereits erwähnten Anbaugesuch aus dem Jahr 1576, nennt der Antragsteller den Ortsnamen
"zum Stühe". Dieses "zum" ist eine lokale Präposition zur Kennzeich- nung eines Ortes und lässt sich dahingehend deuten, dass die kleine Siedlung an einem solchen baumbestandenen Platz bzw. an einer Kleinwaldung (Stüh) angelegt wurde.
Aus dem "zum Stühe" im Bittschreiben des Henning Goes ist in dem Antwortschrei- ben des Landesherren schon ein
"zum Stüde" geworden. Ein Beweis für eine nicht vorhandene einheitliche Schreibweise vieler Namen im Mittelalter. Möglicherweise hat der Schreiber hier eine absichtliche Veränderung vorgenommen, um Verwechs- lungen auszuschließen und dem Dorf einen “eigenen Namen“ zu geben. Der Name Stüde hat sich zumindest bis in die Gegenwart bewahrt.
(B. Kracht, R. Schulze)
  •  * Han 74 GF 2812
  •  ** siehe W. Meibeyer 2006 ( Schriftenreihe des Landkreises Gifhorn Nr. 23 Seite 72 )